Geschichte

Das Leben der letzten Jahrhundertfrau

Von Moritz Matzner und Benjamin Moscovici, Verbania

30. Dezember 2017, 16:35 Uhr

Sie überstand bittere Armut, zwei Weltkriege und das jähe Ende einer großen Liebe: Emma Morano war der letzte Mensch, der das 20. Jahrhundert vom ersten bis zum letzten Tag erlebt hat. Ein letzter Besuch.

117 Jahre hat Emma Morano gelebt, von 1899 bis 2017. Am Ende gab es nur eine Erinnerung, die sie mit ins Grab nehmen wollte.
(Foto: KARSTEN THORMAEHLEN)

Nur noch ein letzter Bissen rohes Hackfleisch. Emma Morano öffnet kurz die Augen, dann greift sie in die kleine Schüssel, die ihre Nichte ihr hinhält, matscht kurz in der rot-klebrigen Masse und schiebt sich dann einen kleinen Happen in den zahnlosen Mund. Mit geschlossenen Augen kaut sie vor sich hin, stumm in sich versunken.

Die Szene spielte sich Anfang des Jahres ab, bei einem der letzten Reporterbesucher, die Emma Moreno empfing.
Am 15. April 2017 ist Emma Morano gestorben. Die Italienerin wurde 117 Jahre alt und war die letzte Person, die das 20. Jahrhundert vom ersten bis zum letzten Tag erlebt hat. Sie überstand zwei Weltkriege, sah Päpste kommen und sterben und Königreiche untergehen. Und so ist die Geschichte ihres Lebens auch ein Spiegelbild des vergangenen Jahrhunderts.

Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie in Verbania, einer italienischen Kleinstadt am Ufer des Lago Maggiore. Direkt hinter den malerischen Häusern erheben sich die steilen Berge des Nationalparks Vale Grande, auf dem See tanzen kleinen Segelboote und in den Cafés duftet der Espresso - ein Paradies für Wanderer und Touristen. Wer denkt da schon an hungernde Familien und Arbeiter, die ihre Fabriken besetzen? Kaum jemand weiß, dass hier im Piemont die Keimzelle der italienischen Demokratie liegt und niemand erinnert sich mehr an die grausamen Szenen, die sich hier in den einsamen Tälern und Schluchten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs abgespielt haben.

Geboren wurde Morano im November 1899 gut 40 Kilometer entfernt, in der kleinen Gemeinde Civiasco, sie soll ein fröhliches Kind gewesen sein. Aber schon bald endete die Zeit der unbeschwerten Jugend. Als sie vierzehn Jahre alt war, brach der Erste Weltkrieg aus, der Vater erblindete, die Familie geriet in Not. Wer sollte die acht Kinder ernähren? Da Emma die Älteste war, begann sie zu arbeiten, zunächst in einer Jutefabrik, später in der Küche eines katholischen Internats. Doch Emma ließ sich nicht unterkriegen. Gerne erzählte sie, wie sie als junge Frau nachts von zu Hause ausbüchste, um Tanzen zu gehen. Am liebsten zu Tango und Walzer. Irgendwann lernte sie einen Mann kennen, sie verliebten sich und bald stand die Verlobung fest. Es war die erste große Liebe und es sollte die einzige bleiben. Noch ehe die beiden heiraten konnten, zog ihr Verlobter in den Krieg und kam nie zurück.

Schließlich heiratete Morano einen anderen, um Liebe ging es dabei nicht. Eher darum, dass die Gesellschaft von einer jungen Frau erwartete, dass sie heiraten müsse. Doch ihr Ehemann schlug sie und als das gemeinsame Kind im Alter von nur drei Monaten starb, gab es nichts mehr, was sie hielt. Emma verließ ihren gewalttätigen Gatten, ein Skandal im konservativ-katholischen Italien der 30er Jahre. Eine offizielle Scheidung war damals nicht möglich, doch auch ohne die endgültige Trennung blieb diese Ehe ihr letzter Anlauf in der Liebe. Nie wieder, so beschloss sie, wollte sie sich einem Mann unterordnen. Ein Leben lang war sie stolz auf ihren mutigen Entschluss, stolz darauf, sich durchgesetzt und immer finanziell auf eigenen Beinen gestanden zu haben.

Das Single-Dasein habe ihr viel Ärger erspart

In den letzten Jahren hat sie ihre Wohnung schließlich kaum noch und irgendwann gar nicht mehr verlassen, zum Schluss war sie fast taub. Einsam war sie dennoch nicht: Regelmäßig erhielt sie Besuch von ihrer Nichte Antonietta, ihrem Arzt und mit 115 ließ sie sich schließlich sogar überreden, sich Hilfe ins Haus zu holen. Immer wieder kamen auch Journalisten vorbei, die sich für das Geheimnis ihres langen Lebens interessierten. Ganz einfach, erzählte Emma Morano dann: Ein Arzt habe ihr als Kind geraten, täglich zwei rohe Eier zu essen, gegen Blutarmut, und wie sie sich dann mehr als hundert Jahre lang an diese Empfehlung gehalten habe.

Doch der eigentliche Grund für ihr hohes Alter sei ein anderer: Ihr Single-Dasein habe ihr viel Ärger erspart, erklärte die alte Dame verschmitzt. Dann lachte sie und auch die Besucher freuten sich über den gelassenen Humor in ihren Erinnerungen. Über die historischen Umwälzungen dagegen, die sich im Laufe des Jahrhunderts ereigneten, schwieg Morano ein Leben lang.

Am Ende gab es nur eine Erinnerung, die sie mit ins Grab nehmen wollte

Dabei sei die Familie durchaus politisch gewesen, stark sozialistisch geprägt, erzählt Moranos Nichte Antonietta, selbst schon Mitte Siebzig. Der Vater, Giovanni Morano, habe in einer nahegelegenen Eisengießerei gearbeitet. Und auch die Mutter, Matilde, habe in einer Fabrik geschuftet. Klassische norditalienische Arbeiterschicht.

Es kann der jungen Frau nicht verborgen geblieben sein, dass Revolutionäre nach dem Ersten Weltkrieg versuchten, den Kommunismus in Italien durchzusetzen, dass überall im Piemont Proteste ausbrachen und Arbeiter die Fabriken besetzten. Zwei "rote Jahre" lang agitierte die Linke, kurz darauf gewannen faschistische Kampfverbände die Oberhand und schließlich übernahm Mussolini 1922 die Macht. Nach dem Verlust des Verlobten im Ersten Weltkrieg sollte Emma auch vom Zweiten Weltkrieg in ihrer unmittelbaren Nähe betroffen werden. 1943 wurden deutsche SS-Soldaten in einer Mädchenschule stationiert, wenige hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt. Soldaten dieser Einheit verübten im Spätsommer, nur einen halben Tagesmarsch südlich, ein Massaker an fünfzig Juden. Wenige Tage später wurde ein jüdischer Bankier aus Turin verhaftet, in die Dorfschule gebracht, dort verhört und anschließend mit seiner Familie ermordet. Ihre Leichen verbrannte man im Keller in der Heizungsanlage. All den Journalisten, die sie über die Jahre besuchten, hat sie nie ein Wort darüber verraten und auch ihre Nichte Antonietta weiß kaum etwas über Moranos Leben in diesen turbulenten Jahren.

Die Partisanenrepublik dell'Ossola

Verlässt man Moranos gardinenverhangenene Wohnung und tritt aus dem Schatten der kleinen San Leonardi Kirche auf die helle Piazza Giuseppe Garibaldi, wendet sich nach rechts und geht an den kleinen Cafés und Eisdielen vorbei, kommt man schnell an das Ortsende, wo das kleine Flüsschen Toce in den Lago Maggiore mündet.

Während des Zweiten Weltkrieges waren die Pfade entlang des Flusses für viele Menschen die letzte Hoffnung. Tausende vertrauten ihr Leben den Schmugglern und Partisanen an, die sich hier in den Bergen versteckt hielten. Im Schutz der Dunkelheit folgten sie dem gewundenen Flusslauf bis zur Schweizer Grenze. Gehörte Morano zu jenen, die den verzweifelten Menschen auf ihrer Flucht halfen?

Unterstützte sie die Partisanen, als diese im September 1944 eine eigene Republik in den Bergen des Val Grande ausriefen und versuchten eine neue, demokratische Gesellschaft aufzubauen? Dachte sie auch über eine Reform der Justiz und des Schulwesens nach, wie die intellektuellen Führer der Partisanenrepublik? Und brachte sie den Männern und Frauen, die sich im Gebirge versteckten, heimlich Lebensmittel, Kleidung und Munition als die Deutschen, unterstützt von italienischen Faschisten zur Eroberung der Rebellengebiete ansetzten? Am Ende hatte die Repubblica dell'Ossola, die Keimzelle der heutigen italienischen Demokratie, keine vierzig Tage Bestand. Hunderte Rebellen wurden in jenem Spätsommer von den Nazis ermordet. Wie viele von ihnen hatte Morano gekannt? Auch darüber hat Emma Morano nie gesprochen.

Sie sah den Aufstieg und Niedergang der zwei großen Ideologien, die das zwanzigste Jahrhundert entscheidend geprägt haben. Sie sah, wie die russische Revolution ausbrach und die Ideen des Kommunismus nach Italien überschwappten, sie sah, wie die Faschisten an die Macht kamen und schließlich besiegt wurden. Und sie war immer noch da, als der Kommunismus Jahrzehnte später in sich zusammenbrach. Es ist schwer zu sagen, warum sie nie darüber sprechen wollte. Vielleicht hat sie Dinge erlebt und gesehen, die sie für immer vergessen wollte. Vielleicht hat sie sich auch einfach vom Strom der Weltgeschichte durchs zwanzigste Jahrhundert tragen lassen. Vielleicht war sie viel zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, um sich für politische Ideen zu interessieren.

Am Ende gab es jedenfalls nur eine Erinnerung, die sie mit ins Grab nehmen wollte. Bei ihrer Beerdigung legte ihre Nichte Antonietta ein Foto auf den Sarg. Es zeigt Emma Moranos Baby, nur wenige Wochen alt. Das Kind starb 1937 kurz nach der Aufnahme. Seitdem hing das Bild neben ihrem Bett. Achtzig Jahre lang.


Quelle: SZ vom 30.12.2017